Rechtschreibschwäche - Streit über die Ursache
Zwischen fünf und 15 Prozent der Kinder in Deutschland sind so genannte “LRS-Kinder”: Sie leiden trotz durchschnittlicher Intelligenz an Lese-Rechtschreibschwäche und haben Schwierigkeiten, das Gehörte ins geschriebene Wort umzusetzen.
Viele Forscher gehen inzwischen von Störungen der Lautverarbeitung aus (”rapid auditory processing deficit”-Hypothese). Eine aktuelle Studie aus Hannover zieht diesen Zusammenhang in Zweifel.
“Gravierende Zuhörprobleme”
Der Hypothese zufolge haben die betroffenen Kinder zwar ein funktionierendes Gehör. Doch in “schwierigen” Hörsituationen, wie in Schulklassen, benötigen sie sehr viel geistige Kapazität, und ermüden folglich schneller - was zu Fehlern bei der Rechtschreibung führt.Konkrete Angaben zur Häufigkeit solcher Verarbeitungsstörungen liegen nicht vor. Die Wartelisten für die pädaudiologische Diagnostik von Kindern seien allerdings lang, betont Psychologin Maria Klatte von der Uni Oldenburg. Aus den Schuleingangsuntersuchungen werde über eine wachsende Zahl von Kindern “mit gravierenden Zuhörproblemen” und sprachlichen Auffälligkeiten berichtet, so Klatte.
“These kann nicht bestätigt werden”
Untersuchungen haben gezeigt, dass fast ein Drittel der LRS-Kinder Symptome einer auditiven Wahrnehmungsstörung hat. Mögliche Ursachen dafür sind Hirnreifungsverzögerungen, frühkindliche Hirnschädigungen und häufige Mittelohrentzündungen. Hinzu kommen “Umwelteinflüsse” im Sinne mangelnder Zuhör- und Sprachanregung: In den Familien wird immer weniger gesprochen und zu viel ferngesehen.
LRS-Kindern wird daher oft ein Hörtraining empfohlen. Fachleute streiten aber darüber, welche Trainingsform besser ist: ein umfassendes Programm mit Sprachspielen und phonologischen Lautübungen, wie es Klatte bevorzugt, oder das Training basaler Hörfunktionen mittels Computer.
Eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), publiziert in der Zeitschrift Klinische Pädiatrie, zieht nun die gesamte These in Zweifel: Es gebe keinen Zusammenhang zwischen Unterschieden in basaler auditorischer Verarbeitung und Rechtschreibung, so das Fazit. “Aufgrund der hier empirisch ermittelten Daten kann die These des ,rapid auditory processing deficit’ nicht bestätigt werden”, sagt Professor Martin Ptok, Ärztlicher Direktor der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie an der MHH.
“Methodische Fehler”
Die Forscher hatten in einer Querschnittsuntersuchung bei 200 Kindern der dritten und vierten Klasse mittels fünf verschiedener Tests Aspekte der basalen beziehungsweise schnellen auditorischen Verarbeitung gemessen und die Ergebnisse mit den Noten in Rechtschreibung, Deutsch und Mathematik verglichen. Ergebnis: 18 Prozent der Kinder zeigten bei den Hörtests zu niedrige Werte. Davon hatte ein Kind die Note eins in Rechtschreibung, acht Kinder eine zwei, 14 eine drei, sieben eine vier und zwei eine fünf. Umgekehrt fiel auf, dass einige Kinder, die eine fünf hatten, bei den Hörtests gute oder überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielten.
“Möglicherweise ist eine insgesamt schlechte basale auditorische Verarbeitung ein Risikofaktor für eine schlechte Rechtschreibleistung”, mutmaßt Ptok. “Insgesamt aber muss man aufgrund dieser Daten den Zusammenhang zwischen basalen auditorischen Fähigkeiten und Rechtschreibleistungen eher skeptisch betrachten.” Der Mediziner warnt deshalb “vor dem unkritischen Einsatz von Trainingsgeräten”.
Fred Warnke, Erfinder eines verbreiteten Trainingsgeräts, wirft der Ptok-Studie “methodische Fehler” vor: Es seien dort zu wenige Funktionen gemessen worden. Den visuellen und motorischen Kanal habe man völlig ignoriert.






Ich muss Fred Warnke recht geben, der visuelle und motorische Bereich ist sehr wichtig auch die Sprachwiedergabe. Also die Studie ist interessant aber Einseitig.